Pressearbeit im Verein 2: Von Deutschlehrern und Zielgruppen

Eine Geschichte, die ein befreundeter Redakteur einer Tageszeitung gerne zum Besten gibt: Einmal in der Woche erscheint ein freier Mitarbeiter, der zugleich Deutschlehrer ist, mit einem Vereinsbericht in der Redaktion. Er zückt einen Stift, um eine letzte kleine Korrektur vorzunehmen und ermahnt die Redakteure, doch diesmal den ganzen Text zu veröffentlichen. Mein Freund lächelt, wartet, bis der Deutschlehrer gegangen ist, macht sich zwei kurze Notizen zum Textinhalt – und wirft den Artikel in den Papierkorb.

Wenn es ein Einzelschicksal wäre, könnte man es damit belassen. Sogar, wenn es das Schicksal aller Deutschlehrer wäre, die als freie Mitarbeiter bei Zeitungen arbeiten. Aber es ist das Schicksal aller Menschen, die einmal Deutschunterricht gehabt haben …

Ja, ich habe Deutsch studiert und sogar einen „Magister“-Abschluss in „Deutsche Literaturwissenschaften“. Und dann das: Als ich 1993 mein Volontariat in der Mittelbayerischen Zeitung http://www.mittelbayerische.de/ antrat, meinte mein Chef nur: „Zu dumm. Wieder einer, dem wir das Schreiben noch beibringen müssen.“

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Die Fragezeichen wurden (nicht nur) für mich schnell zum Ausrufezeichen – und noch lange laborierte ich an der inflationären Verwendung von Schachtelsätzen und dem Wörtchen „welches“. Mittlerweile behaupte ich, dass die Deutschlehrer zu den drei Berufsgruppen gehören, die die deutsche Sprache nachhaltig verdorben haben. Und mit „verdorben“ meine ich „unverständlich“ und „langweilig“.

Kurzer Exkurs und wichtig für die Pressearbeit eines Vereins

Für wen schreiben wir eigentlich? Seltsamerweise machen wir uns nur selten darüber Gedanken. Wenn ich einen Vereinsberichterstatter genau diese Frage stelle, dann kommt oft die Antwort: „Na, für die Vereinsmitglieder. Damit sie auch mal in der Zeitung stehen.“

Abgesehen davon, dass eine Zeitung genauso nicht denkt und sich im gegenteiligen Fall dem Vorwurf aller Nicht-Vereinsmitglieder „das sind noch nur langweilige Vereinsberichte“ ausgesetzt sieht, gewinnen die meisten Vereinsberichte bereits unbändig an Qualität, wenn sie an die Leser der Zeitung denken, die vielleicht

  • gerade ein neues Hobby oder einen neuen Verein suchen
  • sich überlegen, welche Sportart ihr Nachwuchs treiben sollte
  • ihr Kind musikalisch fördern möchten
  • erst „angestoßen“ werden müssen, um sich ehrenamtlich zu engagieren
  • und/oder generell an der speziellen Vereinsarbeit (Sport, Musik) interessiert sind und sich über einen spannenden Bericht freuen

Dass der Wurm dem Fisch (= Leser) und nicht dem Angler (= Verein) schmecken muss, ist eine alte Binsenweisheit der Fischerei und des Marketings. Entsprechend sollte ein Vereinsbericht die oben genannten Leserinteressen ernst nehmen und entsprechende Inhalte beherzigen. Wenn zum Beispiel über eine Jugendmeisterschaft geschrieben wird, dann doch bitte ein paar Details über die hervorragende Jugendarbeit (Training, Trainer, Voraussetzungen etc.) nicht vergessen. Ich habe jedenfalls noch keinen Menschen kennen gelernt, der sich für die abschließende Brotzeit/Vesper des Turniers interessiert.

Deutschlehrer, Juristen und Berater: Sieben Top-Fehler, die sie uns beigebracht haben

Wir schreiben, wenn wir über einen Verein schreiben, für mehr als eine Person. Womit wir wieder beim Deutschlehrer sind, der einen Aufsatz in der Regel nach seinem Gusto und mit ihm als einziger Zielperson beurteilt. Selbstverständlich gibt es auch sehr gute Deutsch-Pädagogen (ich hatte das Glück, bei zweien in den Unterricht gehen zu dürfen), aber die meisten bringen uns bei:

  • überlange Einleitungen, in denen wir ausführlich erklären, was wir mit dem Text beabsichtigen. Mein Tipp: Schreibt lieber sofort, was Sache ist, dann müsst Ihr es nicht eigens erklären! Und Ihr verringert das Risiko, dass Eure Leser noch vor dem Wesentlichen einfach verschwinden.
  • den Ausdruck. Jeder kennt den unterringelten Begriff und das große A am Blattrand, bevorzugt bei Wortwiederholungen verwendet. Und so wird schnell aus dem Elefanten ein Dickhäuter, aus dem Dackel der Waldi und aus Wien die Donaumetropole. Kaum vorzustellen, was ein Deutschlehrer aus dem Beginn des Johannesevangelium gemacht hätte, denn da steht: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort
  • das Pronomen „welches/welcher/welche“. Dabei genügt meist ein einfaches das/der/die

Schuldig am umständlichen und zuweilen unverständlichen Deutsch sind aber auch die Juristen, die uns schlechtes Vorbild sind mit

  • Schachtelsätzen (siehe auch Deutschlehrer), die zum Schluss eh keiner mehr versteht. Mein Tipp: Nicht mehr als 15 Wörter und einen Gedanken
  • dem Passiv: „Zahlreich begrüßt“ und „zum Erfolg gebracht“ sind nur zwei Beispiele einer textlichen Lähmungserscheinung. Deshalb: Aktiv, Aktiv, Aktiv!
  • Fremdwörtern nach Belieben. Ein Fehler, der leicht zu korrigieren ist: Einfach raus damit!

Die modernen Geißeln der Vereinsberichterstattung finden sich schließlich dort, wo man sie nicht unbedingt vermuten würde – bei den Beratern und Consultants. Im unermüdlichen Streben nach Verbildlichung mutieren sehr viele zu Vorbildern im

  • Phrasendreschen, das nicht nur ohne Inhalt ist, sondern dank inflationärer Verwendung auch noch langweilt. Der Countdown läuft, endlich ist es soweit und die Seele, die baumelt – mal ehrlich: Der Countdown führt mittlerweile ins Nirgendwo, wo es zum 1.000sten Mal endlich soweit ist, dass sich die Seele vollends erhängt hat.

Aber Spaß beiseite – und ein Rat zum Schluss: Hört (neben der Vermeidung der genannten Fehler) auf Euren Bauch und überlegt bei jedem Text, wie Ihr die Geschichte Eurem Nachbarn erzählen würdet.

Dann landen Eure Vereinsberichte auch nicht im Papierkorb des Redakteurs. Egal, ob Ihr nun Deutschlehrer seid oder auch nicht.

Ihr kennt noch weitere Tricks für gute Pressemeldungen oder auch Unsitten? Dann verratet sie uns doch bitte via Kommentar-Funktion oder einfach per eMail an blog@vereinskult.de.

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