Ein Plädoyer für Vereine, die nicht „hipp“ sind

Von Bernhard Krebs

Natürlich gab es schon in meiner Jugend vor vierzig Jahren diejenigen, die Fußball spielten. Die waren richtig cool. Und es waren schon früher die Tennisspielerinnen und -spieler, die modisch ihre Zugehörigkeit zur Upper-Class zeigten. Später gab es dann die Golf-Spieler, die Rotary-Elite, die Gospel-Sänger und die „Freunde und Förderer moderner Kunst“. Wer hier dazu gehörte, der war wer.

Ich dagegen war Mitglied im Wanderverein, kegelte in kurzen Hosen bei „Gut Holz“ und durfte vergangenes Jahr die Urkunde für 30jährige Mitgliedschaft in der Ortsgruppe der Sudetendeutschen Landsmannschaft entgegen nehmen. Beiträge zahlte und zahle ich außerdem für den Verein der Freunde des Volkskundemuseums, für den Gartenbau- und die Ortsverschönerungsverein und für eine der großen Volksparteien.

Allesamt nicht unbedingt Vereine, die unter dem Begriff „hipp“ oder gar „sexy“ firmieren.

Nicht viel besser stellt sich die Situation meines Freundes Robert dar: Er spielt in der örtlichen Blaskapelle die Tuba, ist erfolgreiches Mitglied im Kleintierzuchtverein, trifft bei den Schützen „Silberdistel“ hin und wieder ins Schwarze, ministrierte in der Pfarrjugend und frönt seit kurzem der obskuren Leidenschaft des im Verein institutionalisierten Schnupftabak-Schnupfers.

Und beide sind wir im Imkerverein … hmmm, die Imker sind gerade im Kommen. Besteht etwa Hoffnung?

Aber zurück zu meiner Jugend in der Kegelabteilung eines großen Vereins. Ich kam dazu, weil meine Eltern schon dabei waren (was auch der Grund für meine Mitgliedschaft bei den mittlerweile aufgelösten Wanderfreunden war).

Für alle Laien: Kegeln ist nicht Bowling! Die Kugeln sind kleiner, haben keine oder nur zwei Löcher – und vorne stehen neun Kegel und keine zehn Pins. Auch gibt es kein Disco-oder Party-Kegeln, zumindest kenne ich keins.

Ich war also unschuldige vierzehn Jahre jung, als ich zum ersten Mal auf die Kegelbahn trat. Natürlich war ich etwas irritiert, dass Altersgenossen fehlten und der Nächstjüngere namens Bert bereits 40 Lenze zählte. Der Drittjüngste, Walter, war dann schon über 50 Jahre und jenseits der 60 gehörte man zur absoluten Mehrheit. Jedenfalls stank es in der Umkleidekabine impertinent nach Franzbrandwein und „Klosterfrau Melissengeist“.

Zum Ritual der Vorbereitung gehörten neben dem Einreiben auch das Überstreifen von Knie-/Ellbogenbandagen und die Andeutung einer Kniebeuge. Fertig!

Das klingt langweilig, gar etwas lächerlich? Keineswegs! Im Gegenteil hatte ich unbändigen Spaß, denn die Älteren kümmerten sich rührend um den Jüngeren. Sie gaben mir sportliche Tipps, erzählten mir manch Wertvolles über das Leben, spendierten mir das erste Bier (und das zweite und dritte auch) – und sorgten dafür, dass der erzieherische Hoheitsanspruch meiner Eltern im Verein wirkungslos verpuffte.

Mit einem breiten Grinsen feuerte ich Werner (= mein Vater) an und kritisierte lauthals das durchschnittliche Ergebnis von Renate (= meine Mutter). Das Besondere daran: Sie ließen es sich schmunzelnd gefallen.

Die Kegler zeichneten wie die Wanderer auch verantwortlich, dass ich das Schafkopfen (bayerisches Kult-Kartenspiel) lernte – und dass ich länger wach bleiben durfte. Ein Wettkampf der Kegler dauerte schon mal bis nach Mitternacht: für einen 14jährigen der erste große Schritt in die Freiheit!!

Meine Kegler-Buddies und Wanderer-Kumpel, ich lasse nichts auf sie kommen. Auch wenn einige von ihnen bereits verstorben sind. Heute weiß ich, wie schön die Zeit im Verein damals war, obwohl ich kein Fußballer und kein Tennisspieler war.

Deshalb mein Aufruf an alle Jungen: Kegelt. Im Verein.

Vor zwei Wochen habe ich übrigens mal wieder bei meinem alten Verein vorbei geschaut. Walter, mittlerweile gefühlte 100 Jahre, saß da und roch nach Franzbrandwein. Neben ihm ein Jugendlicher mit einem T-Shirt, auf dem „I´m sexy“ stand.

So ein T-Shirt gab’s leider damals noch nicht.

 

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