Zurück an den Verhandlungstisch

Von Bernhard Krebs

Zu den seltsamen Zufällen in meinem Leben gehört es, dass zwei meiner besten Freunde Mitglieder in größeren Verbänden sind. Während der eine seinen Job von 8:45 bis 17:30 Uhr (halbstündige Mittags- und 15 Minuten Kaffeepause inklusive) mit Blick auf die Altersteilzeit stoisch erledigt, ist der andere ein geradezu besessener Kämpfer für die Rechte der Vereine.

Er ist gefürchtet im Verbandspräsidium, geliebt und bewundert bei den Vereinen – und allseits bekannt für die nie enden wollende Kraft in Diskussionsrunden und Mitbestimmungsverhandlungen, für seine urwüchsige rhetorische Brillanz und das authentische Empfinden von Gerechtigkeit und Fairness.

„Ein guter Mann“, pflegen selbst seine schärfsten Kritiker zu sagen. Und vielleicht waren es diese Masse an Lob oder auch die Natur eines leidenschaftlichen Missionars, die ihn zum entscheidenden Fehler verführten: Er ließ seine Familie an seiner Verbandsarbeit teilhaben.

Am Frühstückstisch gab es Lektionen zu Rechten und Pflichten, zur Mittagspause waren es Erläuterungen zu den einzelnen Mitteln eines Vereins. Die Details über Ausschüsse waren dem Abend vorbehalten, ebenso wie Biografisch-Historisches über siegreiche Schlachten im Dienste der kleinen Vereine.

Kein Zweifel: Verbandsrat zu sein, bedeutet viel Arbeit. Im Falle des Freundes allerdings auch, dass er den Vorgängen in seiner Familie zu wenig Aufmerksamkeit zollte. Denn die war gelehrig – und zettelte die Revolution an. Oder besser gesagt: Seit einem Monat gibt es dort eine Vereinsvertretung.

In einer harmlos scheinenden Diskussion wurde der Überzeugungstäter zur Aussage provoziert, eine Familie sei nichts anderes als ein Verein. Wenig später trat im Hause meines Freundes das Mitbestimmungsgesetz in Kraft. Noch am selben Abend wurden eine Vereinsvertreterversammlung und der studierende, aber noch daheim lebende Sohn zu deren Vorsitzenden gewählt.

Bis dahin fand mein Freund es noch lustig, fühlte sich sogar ein wenig geschmeichelt.

Am Tag darauf aber wurde er noch vor der zweiten Tasse Frühstücks-Kaffee von der Sprecherin des Arbeitskreises „Entlohnung ehrenamtlichen Engagements“ zur Rede gestellt: Seine halbwüchsige Tochter verlangte für sich, ihre beiden Brüder und die Mutter eine leistungsgerechte und geregelte Bezahlung. Die anschließende Diskussion über Inhalt und Umfang der Leistung führte ohne Umschweife zur ersten Machtdemonstration: Die gemeinsame Gartenarbeit am Wochenende wurde abgeblasen.

Modifizierung des Regelwerks, EDV-Versorgung, Vorstandssitzungen, Doping („Nein, das abendliche Bier ist kein Doping!“), Vorbereitung Jahreshauptversammlung, Wahlen, Fernseh-Rechte, Verteilung der Einkünfte, Anhebung der Mitgliedsbeiträge, Kooperationen, Digitalisierung der internen Prozesse („Hä?“) waren nur einige Themen, die mein Freund in den kommenden Wochen nicht nur in der Arbeit, sondern auch im eigenen Haus zu verhandeln hatte. Immer mehr verließen ihn die Kräfte, die Nerven und vor allem die Argumente.

Und als der teil-invalide Großvater gleich mehrere Sachverständige aus seinem Seniorenheim zu den Themen „Verpflegung“ und „Barrierefreiheit“ hinzuzog, schien die interne Vereinskrise unvermeidlich – zumal parallel dazu die Ehefrau vom Gatten verschärfte Trainingseinheiten („Du bist alles andere als austrainiert!“) einforderte und die Kinder diverse Spielergemeinschaften mit Kindern anderer Familien gründeten.

Wie es ausging?

Noch sind konkrete Ergebnisse nicht in greifbarer Nähe. Die Parteien haben beschlossen, in der nächsten Woche wieder an den Verhandlungstisch des Familienverbandes zurück zu kehren. Immerhin.

 

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