Karneval im Verein: Die schönste Frau ist ein Mann

Von Bernhard Krebs

Karneval, Fastnacht, Fasching: wie auch immer es heißt, ich mag es. Ich bin zwar kein Rheinländer und es gibt für mich keine 5. Jahreszeit. Auch fehlt mir das Jecken-Gen ebenso wie die Figur, um zügellos „Kamelle“ in mich hineinzustopfen, aber: Ich maskiere mich gerne und tanze eifrig auf Faschingsbällen. Solange ich keine Frau sein muss.

Es ist ein paar Jahre her, als mich während meiner Zeit als Redakteur bei der Mittelbayerischen Zeitung ein älterer Kollege zu Beginn der Faschingssaison mit einem ausgesprochen verächtlichen Kopfschütteln fragte: „Warum eigentlich laufen jetzt wieder so viele Männer in Frauenklamotten herum? Man sollte darüber mal eine Geschichte schreiben.“

Er hat es nie getan. Ich auch nicht, weil ich mich schlichtweg schämte. Denn: Ich hatte reichlich Erfahrung in Frauenkleidern, was wiederum an Fasching und meiner Mitgliedschaft in Vereinen gelegen hat.

Die Heidi, ein Schwan und der Transvestit

Dort nämlich zog ich mit 17 Jahren erstmals ein fesches Dirndl über, um gemeinsam mit Petra in der Lederhose und noch vielen weiteren, kurzfristig geschlechtlich verwirrten Jugendspielern meines Sportvereins eine Polka zum Besten zu geben. Es war der Piratenball der örtlichen Wasserwacht – und wir für die lang angekündigte Showeinlage auserkoren. Das Gelächter im Publikum war groß, der Auftritt frenetisch umjubelt.

Zwei Jahre später war es „Schwanensee“, das mich in weiße Strumpfhosen und Tütü trieb, um beim Kehraus der Vereinsgemeinschaft als eine von sieben Ballerinas trippelnd mit jeder anstürmenden Elefantenherde zu konkurrieren. Das Gelächter im Publikum war groß, der Auftritt frenetisch umjubelt.

Den bisherigen Abschluss meiner Frauenkarriere bildete der Rosenmontag, abermals zwei Jahre später. Die Vereinsjugend versuchte sich in der Rocky Horror Picture Show – meine Performance in Mieder und Strapsen als Dr. Frank N. Furter genießt heute noch in den Vereinschroniken einen legendären Status. Das Gelächter im Publikum war groß…

Bis zu der Bemerkung des Redaktionskollegen hatte ich mir nie größere Gedanken über „mich in Frauenkleidern“ gemacht. Vielmehr fand ich es lustig, war durchaus stolz auf manches Kompliment für meine „schönen, langen Beine“ und wusste mich der betrunkenen Narren zu erwehren, die mir in den üppigen Dirndlausschnitt oder ans lederne Korsett wollten (der Schwan jedoch blieb stets unberührt).

Und nicht selten erhielt mein ebenmäßig gewachsener Kumpel und Doppelpartner Jürgen, der stets an meiner Seite agierte, das Lob: „Du bist hier die schönste Frau im Saal.“ Mal provozierend gefragt: Kann das die bärtige, breitschultrige Kölner Jungfrau auf ihren stämmigen, haarigen Beinen von sich behaupten? Ich glaube nicht.

Ursachenerforschung

„Warum eigentlich laufen jetzt wieder so viele Männer in Frauenklamotten herum?“ Die Frage des Ex-Kollegen soll heute endlich beantwortet werden. Von mir. Weil ich es weiß und weil ich tatsächlich Vereinserfahrung besitze.

Wenn Männer sich im Karneval als Frauen verkleiden, dann ist dies vor allem …

… ein Akt der Emanzipation. Nicht nur, weil sie „das Weibliche“ in sich entdecken, sondern vor allem, weil sie ab dieser Erfahrung Verständnis dafür aufbringen,

  • welche Mühen Frauen auf sich nehmen, um sich mit allerlei Farbe und Stoff hübsch zu machen.
  • was Frauen zu erleiden haben, wenn männliche Kostümierte die Gunst der Karnevalsstunde nutzen, um sich hingebungsvoll an fremden Busen zu schmiegen.

Das könnte genau die Ursache sein. Zumindest solange, bis mir jemand das Gegenteil beweist.

Ward Ihr schon einmal im Karneval als anderes Geschlecht maskiert? Dann erzählt uns davon bitte via Kommentar-Funktion oder einfach per eMail an blog@vereinskult.de.

 

 

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